Wo Honigbienen zu Hause sind

Unsere Honigbiene (Apis mellifera) hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt. Zwei Wissenschaftler zeigen, dass es heute noch wild lebende Honigbienen in Deutschland gibt.


Nur die wenigsten wissen überhaupt von natürlich nistenden Honigbienenvölkern in Deutschland. “Bienenbäume”, die natürlichen Wohnungen der Honigbienen, sind kaum erforscht und es gibt keine wissenschaftlichen Daten aus Europa über wild lebende Bienenkolonien, die ohne menschliches Eingreifen in Wäldern leben.

Benjamin Rutschmann und Patrick Kohl, Wissenschaftler von HOBOS (www.hobos.de) und vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg wollen das ändern und haben sich im Wald auf die Suche nach wild lebenden Honigbienen gemacht. In den Jahren 2016 und 2017 haben sie zwei Buchenwälder in Deutschland nach natürlich nistenden Honigbienen abgesucht.  

Bei den Waldgebieten handelt es sich um den Nationalpark Hainich in Thüringen und das Biosphärenreservat Schwäbische Alb. Der Hainich wurde ausgesucht, weil er einen der größten zusammenhängenden Laubwälder in Mitteleuropa darstellt. Neben Buchen gibt es dort verschiedene Ahorn- und Lindenarten, die reiche Nektar- und Pollenquellen für Honigbienen und andere bestäubende Insekten darstellen. Die Wälder des Biosphärenreservats Schwäbische Alb waren vor allem aufgrund eines detaillierten Verzeichnisses von Bäumen mit Schwarzspechthöhlen interessant, die jedoch bisher noch nie systematisch auf die Besiedlung durch Honigbienen untersucht worden waren.

Eine für Honigbienen geeignete Höhle benötigt ein Volumen von mindestens 20 Liter, damit die Bienen genug Honig zum Überwintern horten können. Schwarzspechte können solche Höhlen auch schon in Bäumen mittleren Alters schaffen, sodass deren verlassene Wohnungen eine wichtige Ressource für Honigbienen in bewirtschafteten Wäldern darstellen könnten.

Buchenwälder als Zuhause für wild lebende Honigbienen

In den beiden Waldgebieten haben sie anhand von zwei Methoden eine erste Bewertung des Vorkommens und der Koloniedichte wild lebender Honigbienen vornehmen können. Im Hainich verfolgten Kohl und Rutschmann die Heimflugrouten von Bienen, welche an künstlichen Futterstellen sammelten (“Beelining“-Technik) und konnten auf diese Weise zahlreiche Bienenbäume im Nationalpark nachweisen. In den Buchenwäldern des Biosphärenparks Schwäbische Alb inspizierten sie knapp hundert Habitatbäume mit alten Schwarzspechthöhlen auf das Vorkommen von Honigbienenvölkern. Sieben Prozent dieser Buchen waren von Honigbienen besetzt.  

So fanden sie heraus, dass wild lebende Honigbienenvölker regelmäßig in Baumhöhlen in naturnahen Buchenwäldern mit Dichten von mindestens 0,11-0,14 Kolonien pro Quadratkilometer leben. Die Dichte von natürlich nistenden Kolonien in abgelegenen Wäldern ist also gering und Kolonien nisten einzeln in weit voneinander getrennten Baumhöhlen. Allerdings ist die Verteilung der Bienenkolonien nicht auf die Waldränder beschränkt. Sie leben auch tief im Wald, im Hainich auch mehrere Kilometer vom nächsten Bienenstand entfernt.  

Um zu testen, wie weit Bienenschwärme von “Imkervölkern” am Waldrand in das Waldgebiet eindringen würden, simulierten Kohl und Rutschmann solche Ereignisse und beobachteten am Waldrand aufgestellte Schwärme. Durch die Entschlüsselung der Bienentänze für Nisthöhlen, welche von den Spurbienen auf der Schwarmtraube aufgeführt werden, ermittelten sie, dass die Bienen vor allem im Umkreis von 500 Metern oder weniger nach Höhlen suchen. Diese Höhlen befinden sich größtenteils außerhalb des Waldes oder am Waldrand. Dieses Ergebnis legt nahe, dass tiefer im Wald befindliche Bienenbäume nicht direkt von entflohenen Schwärmen besiedelt wurden. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass Schwärme das Innerste des Waldes in mehreren Schritten, über mehrere Jahre hinweg besiedelt haben und wild lebende Honigbienen in unseren Wäldern auch über mehrere Generationen überdauern können.  

Das Fazit: Natürlich nistende Honigbienenvölker gibt es in deutschen Buchenwäldern, aber in geringer Dichte. Die Studie liefert den Startpunkt für eine genaue Erforschung der Populationsdynamik und Ökologie dieser wild lebenden Honigbienen in Europäischen Waldgebieten.  

“Naturnahe Buchenwälder in ganz Europa können durchaus ein Zuhause für wild lebende Honigbienenvölker sein, da sie genügend geeignete Nistplätze bieten. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten der Wald als Lebensraum für Bienen eine immer größere Bedeutung bekommen wird. Wenn Habitatbäume mit Schwarzspechthöhlen in bewirtschafteten Wäldern geschützt werden, hilft das womöglich auch den wild lebenden Honigbienen, welche bis zum jetzigen Zeitpunkt komplett ohne Schutz dastehen”, sagt Benjamin Rutschmann. “Es wird spannend sein, das Verhalten und die Lebensgeschichten der einzelnen Waldbienenvölker und deren Populationsdynamik zu studieren. Schon jetzt deutet unsere Studie an, dass immer eine gewisse Anzahl von Bienenvölkern wild in Waldgebieten leben. Das heißt: Egal wie lange das einzelne Bienenvolk im Wald überdauert, ständig werden wild lebende Honigbienen mit anderen Waldbewohnern interagieren. Dieser Aspekt der Honigbienenbiologie ist weitgehend unerforscht”, fügt Patrick Kohl hinzu.    

BEEtrees-Projekt  

Im Rahmen des BEEtrees-Projekts werden natürlich nistende Honigbienenvölker in Europa erforscht. Die Wissenschaftler wollen deren Häufigkeit und geographische Verteilung erfassen, sowie das Nestklima und das Baumhöhlen-interne Mikro-Ökosystem untersuchen. Zudem interessieren sie sich für deren Überlebensraten, die Volksgröße, die Schwarmneigung, den Parasitenbefall sowie auch deren Gesundheitszustand.  

Das BEEtrees-Projekt, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist, freut sich über jede Unterstützung in Form von Spenden (Verwendungszweck: BEEtrees).

Zum neuen Forschungsartikel in der Zeitschrift PeerJ (06.04.2018)

Wild lebende Bienenvölker in Baumhöhlen können hier jederzeit dem BEEtrees-Projekt gemeldet werden.    

Kristina Vonend

Weitere Informationen:

Gesucht: Wild lebende Bienenvölker in Bienenbäumen 

Das Geheimnis verletzter Bäume