Das Geheimnis verletzter Bäume

Bild: Spechtbaum
Diese Eiche wurde wahrscheinlich vor 30 bis 40 Jahren stark verletzt und weist davon heute noch mittig eine lange Spalte auf, die in Zukunft zu einer Bienenhöhle werden kann. (Foto: Kristina Vonend)

Unsere Wälder sind überwiegend Wirtschaftswälder. Alte, dicke Bäume sowie stark verletzte Bäume als auch Totholz finden sich kaum noch in unseren Forsten. Viele Bäume werden vor ihrer Lebensmitte gefällt. Doch der Trend geht hin zu Biotopbäumen.


Spechtbäume werden geschützt

Ein Biotopbaum ist ein Baum mit besonderer Bedeutung für die biologische Vielfalt. Die dafür nötigen Strukturmerkmale können ganz unterschiedlicher Art sein. Dazu zählen Spechthöhlen, Großvogelhorste, Faulhöhlen, Rindentaschen, Pilzkonsolen, Stammverletzungen mit intensiver Holzfäule, massiver Kronenausbruch, Blitzschäden, Stammbruch und sehr hohes Alter in Verbindung mit außerordentlich großem Brusthöhendurchmesser. Seit circa zehn Jahren ist der „Spechtbaum“ ein Begriff in der Forstwirtschaft. Spechtbäume sind abgestorbene, stehende Bäume im Wald, in die der Specht aber noch seine kleine Schlaf- und Bruthöhle zimmern kann. Nachmieter der Spechthöhle können Kohl- und Tannenmeise, Sperlingskauz, Hohltaube, Fledermaus, Eichhörnchen oder Siebenschläfer sein. Der Förster lässt die toten Bäume in seinem Wald stehen, um Spechten und anderen Tieren einen Unterschlupf anzubieten.

Natürliche Bienenwohnung

Wenn heute ein großer Hauptast von einem lebenden Baum durch Blitz, Brand, Sturm oder Schneelast abbricht und Rinde und Stammholz mit sich herausreißt, fällt der Förster in der Regel schnell den Baum, bevor Fäulnis im Baum eintritt, die den gesamten Stamm für die Weiternutzung im Sägewerk wertlos werden lässt. Doch was für den Menschen vordergründig nutzlos erscheint, kann für die wild lebende Honigbiene ideal sein. Denn die Honigbiene ist von Natur aus ein Waldinsekt. Mit ihrem Volk besiedelt sie schon seit Millionen Jahren große Baumhöhlen im Wald und kann dort eigenständig ohne imkerliche Hilfe leben. Honigbienen sind in einer langen Entwicklung angepasst, den Großteil ihres Lebens in einer Baumhöhle zu verbringen. In den Höhlen gehen sie auch Lebensgemeinschaften mit anderen Organismen ein. Auch abgeschwärmte Bienenvölker sind auf solche Naturhöhlen angewiesen. Doch der Rückgang großer Nisthöhlen macht es der Honigbiene in ihrem natürlichem Umfeld „Wald“ heute sehr schwer.

Zurück zum hohlen Baum

Wie entstehen natürliche, große Baumhöhlen? Bäume mit einem Mindeststammdurchmesser von dreißig bis vierzig Zentimetern, die auf mindestens zwei bis drei Metern Höhe stark am Stamm verletzt wurden, können für wildlebende Honigbienen zu einem späteren Zeitpunkt ideal sein. Spätere Bienenbäume können auch größere Löcher, Ritzen oder Spalten haben. Nach mehreren Jahrzehnten kann sich daraus ein Baum mit einer Höhle im Stamm, ein sogenannter „Höhlen- bzw. Bienenbaum“, entwickeln. Innerhalb von 20 bis 30 Jahren kann die Fäulnis innwändig einen großen Hohlraum schaffen, den der lebende Baum gleichzeitig von außen zur Wundheilung selbst verschließt. Forstwirt Franz Lechner-Raith aus dem Landkreis Miesbach nimmt an, wenn ein Bienenvolk eine Höhle in einem lebenden Baum bezogen hat, „dass die Honigbienen ihren Ein- und Ausgang zur Bienenhöhle „durch Knabbern“ selbst freihalten.“

Ein für Honigbienen interessanter Baum kann aber über Jahrzehnte nur entstehen, wenn der stark verletzte Baum vorher nicht ganz abstirbt und natürlich nicht durch den Förster gefällt wurde. Forstwirt Franz Lechner-Raith ist der Meinung, „dass neben Spechtbäumen auch prädestinierte Bienenbäume im Wald geschützt werden müssen.“ Im Rahmen des Forschungsprojekts BEEtrees werden seit einem halben Jahr über die HOBOS-Webseite bereits natürlich nistende Bienenvölker und Bienenbäume erfasst.

Kristina Vonend