Ägypten: 600 bedrohte Bienenvölker haben überlebt

Ein Apis mellifera lamarckii-Schwarm hängt in einem Baum. (Foto: Islam Siam)

Der Schweizer Lebensmittelhersteller Hero, dessen Tochterfirma Hero MEA in Ägypten sitzt, engagiert sich für die in Ägypten heimische Honigbiene Apis mellifera lamarckii, um sie vor dem Aussterben zu retten und bei Imkern wieder populärer zu machen. Der deutsche Demeter-Imker Günter Friedmann, der das Lamarckii-Projekt für Hero betreut, war vom 19. bis 24. März 2018 wieder in Ägypten, um sich persönlich nach dem Befinden der letzten überlebenden Apis mellifera lamarckii-Völker zu erkundigen.


Völker in Schwarmstimmung

Die erfreuliche Nachricht: Aktuell gibt es wieder insgesamt 600 Lamarckii-Völker in Menyakhama/Ägypten. Die Völker könnten sich künftig sogar noch vermehren, denn die Lamarckii-Völker vom Imker Abu Sadek sind seit Mitte März in Schwarmstimmung. Das Schwarmgeschehen ist ein natürlicher Vorgang: Wenn Bienenvölker schwärmen, vermehren sie sich durch Teilung, d.h. sie gründen neue Bienenvölker, indem ein Bienenschwarm mit der alten Königin auszieht, sich in der Nachbarschaft als Schwarmtraube z.B. in einem Baum niederlässt, um sich von dort aus ein neues Nest zu suchen. Zeitgleich zieht sich der Rest des zurückgebliebenen Volkes eine junge Königin heran. Gewöhnlich sind die ägyptischen Honigbienen von März bis Mai schwarmlustig - anders als die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) in Deutschland, die erst später in den Monaten Mai und Juni schwärmt.

Entwicklungsdynamik und Volksstärke sind gut

Aus einem kleinen Apis mellifera lamarckii-Schwarm, der von einem bestehenden Volk abgegangen ist, kann sich so in kürzester Zeit wieder ein neues schönes Apis mellifera lamarckii-Volk entwickeln. „Denn die Entwicklungsdynamik und die Volksstärke sind bei dieser Honigbiene besonders gut“, so Imker Friedmann. Die Schwarmstimmung der Lamarckii-Völker hat dieses Jahr im März kurz vor Günter Friedmanns Eintreffen in Ägypten begonnen. Der Imker war in der Tat überrascht, was er bei seinem Besuch in Menyakhama/Ägypten vorfand: „Es waren etliche Völker in Schwarmstimmung. Jeden Tag konnten wir einige kleine Schwärme einfangen. Im Vergleich zu unseren Schwärmen in Deutschland waren diese tatsächlich sehr klein, bestanden nur aus einigen hundert Bienen, wenn überhaupt.“ Die Westliche Honigbiene dagegen bildet viel größere Schwärme, die 6.000 bis 14.000 Bienen stark sind. Der ägyptische Imker Islam Siam, der das ganze Jahr über in Ägypten die Lamarckii-Bienen betreut, hat die schwarmlustigen Bienenvölker geteilt und einige Ableger mit Schwarmzellen daraus gebildet, d.h. er hat aus einem schwarmlustigen Volk zwei bis drei Brutableger mit Bienen und Weiselzellen entnommen. Genauso haben es die alten ägyptischen Imker schon seit Jahrtausenden praktiziert. So waren es bei Friedmanns Abreise dann schon wieder 600 Bienenvölker geworden.    

Völker erholen sich

Der bisherige Standort in Khaa/Ägypten war für die weiteren Lamarckii-Bienen nicht gut, weil intensiv betriebener Gemüseanbau in unmittelbarer Nähe praktiziert wurde. Die Völker wurden sehr schwach und viele tote Bienen lagen vor den Fluglöchern am Boden. Viele davon hatten ihre Zunge herausgestreckt, „was ein sicheres Anzeichen für eine Vergiftung durch Insektizide ist. In der Tat wurden dort blühende Zwiebelkulturen mit Insektiziden gespritzt”, weiß Friedmann. Die Bienen wurden schnell an einen anderen Standort verstellt; es konnte aber nicht mehr verhindert werden, dass innerhalb von kürzester Zeit sehr viele Bienenvölker starben.   An dem neuen Standort in Menyakhama/Ägypten erholen sich die angeschlagenen Bienenvölker sehr gut. Etwa 150 Völker hatten überlebt. Die Brutwaben waren in einem guten Zustand. Aber die Bienen waren geschwächt. „Gerade im Vergleich mit den Völkern von Abu Sadek ist sehr deutlich wahrnehmbar, dass der Besatz mit Bienen gravierend niedriger liegt und die Völker noch einige Zeit brauchen werden, um einen vergleichbaren Stand zu erreichen. Durch den Insektizidschaden hatten die Völker einen Großteil ihrer Flugbienen verloren. Durch diese Entwicklungsverzögerung werden diese Völker erst in einigen Wochen in Schwarmstimmung geraten“, meint Günter Friedmann.  

Ziel: Vermehrung auf 700 Bienenvölker  

Der Imker Günter Friedmann erklärt, was er demnächst mit den Lamarckii-Völkern vorhat: „Wir wollen dann noch einmal stark in die Völkervermehrung gehen und unseren Lamarckii-Bestand vergrößern. Insbesondere deswegen, weil von der Genetik her, die angeschlagenen Völker, ein wesentlich besseres Potential aufweisen, als die Völker von Abu Sadek“, so Friedmann. Der Imker Günter Friedmann ist sich sicher: „Wenn die Schwarmstimmung der Bienen von Abu Sadek noch einige Zeit anhält, könnten wir den Bestand wieder auf 700 Völker aufbauen. Wenn dann die Begattung gut ist, sollten wir über den Berg kommen und das „tiefe Tal der Selektion“ hinter uns gelassen haben.“ Alles in allem ist der Imker Friedmann zuversichtlich über den Fortgang des Lamarckii-Bienen-Projekts in Ägypten, das vom Lebensmittelhersteller Hero unterstützt wird. Langfristig will es das Überleben und den Fortbestand der ägyptischen Lamarckii-Biene sichern.  

Kristina Vonend