Kolumne von Jürgen Tautz: Der Klimawandel und die Bienen

Die entscheidende meteorologische Größe eines Klimawandels, die alles andere nach sich zieht, ist die Temperatur. Dabei sind es am wenigsten kurzzeitige Extremwerte, die nachhaltige Folgen für die Natur haben. Es sind die Änderungen im Temperaturverlauf, die sich am dramatischsten auswirken.


So machen zu milde Winter den Honigbienen große Probleme, da sie zu früh die eng gepackte Wintertraube aufheben und eventuell sogar schon mit der Flugaktivität beginnen, bevor es etwas zu sammeln gibt. Das kostet das Volk unnötig Energie, die am Ende entscheidend fehlen kann und die Völker verhungern lässt. Ein Nachfüttern durch den Imker ist zwar gut gemeint, hilft aber nicht, da eine Futtereinlagerung im Winter im Verhaltensrepertoire der Bienen nicht vorgesehen ist.Auch gibt es seit Jahren Hinweise darauf, dass ein veränderter Temperaturverlauf im Frühjahr die über sehr lange Zeiträume entstandene feine Abstimmung zwischen den Lebensläufen von Bestäuberinsekten und der Blühphase von Pflanzen durcheinander gerät – für die Bienen mit schlimmen Folgen.

Der Klimawandel bringt den Rhythmus der Bienen durcheinander

Eine aktuelle Studie (Schenk et al.2017) belegt dies für unsere einheimischen Wildbienen. Dazu ein Zitat aus einer Publikation der Universität Würzburg (einBLICK vom 29.06.2017, Verfasser Gunnar Bartsch):Sammelbienen haben einen anstrengenden Job: Auf der Suche nach Nektar, Honigtau und Pollen sind sie ständig zwischen Bienenstock und Blütenwiese unterwegs. Eine innere Uhr sagt ihnen unter anderem, wann die passende Zeit dafür ist, weil Blüten sich öffnen, beziehungsweise wann es Zeit ist sich auszuruhen, weil die potenziellen Nahrungsquellen „geschlossen“ sind. Rund 550 verschiedene Bienenarten leben in Deutschland. Den größten Anteil davon bilden die solitären Bienen. Sie leben nicht in einem großen Bienenstaat, wie man das von der Honigbiene kennt, sondern jedes Bienenweibchen legt meist mehrere eigene Nester an und versorgt seine Nachkommen alleine. Solitäre Bienen nutzen ihre kurze Lebensspanne von wenigen Wochen ausschließlich, um sich fortzupflanzen und um ihre Nachkommen mit Proviant für die Entwicklung zur erwachsenen Biene zu versorgen. Sie sind dabei auf Blütenpollen angewiesen, den sie oft nur auf bestimmten Pflanzenarten sammeln können.   

Gutes Timing beim Schlupf ist wichtig

Ein gutes Timing beim Schlupf ist deshalb von enormer Bedeutung. Dies gilt vor allem zu Beginn des Frühjahrs, einer Zeit, in der die Gefahr besteht, dass eine Biene ohne Pflanzen auskommen muss, wenn sie ihre Winterruhe zu früh beendet hat. Da der Klimawandel den Zeitpunkt des Frühlingserwachens verschiedener Arten unterschiedlich stark verschieben kann, sind zeitliche Fehlabstimmungen zwischen Bienen- und Pflanzenarten möglich. Was passiert, wenn eine Biene schlüpft, bevor ihre Nahrungspflanzen zu blühen beginnen und sie in ihren ersten Lebenstagen ohne Nahrung auskommen muss?  

Blühen die Pflanzen zu spät, schadet das den Bienen

Um dies herauszufinden, hat das Würzburger Forscherteam 36 große Flugkäfige errichtet. Innerhalb dieser Flugkäfige war es den Wissenschaftlern möglich, die Bienen entweder zeitgleich mit dem Erblühen der darin befindlichen Pflanzen schlüpfen zu lassen oder drei beziehungsweise sechs Tage zuvor. Anschließend beobachteten sie die Bienen über ihren gesamten Lebenszeitraum. Dabei notierte das Forscherteam einerseits die tägliche Aktivität der Bienen und andererseits wie viele Nester und Brutzellen von den Bienen produziert wurden. Das Ergebnis: Nicht alle Individuen überlebten drei oder sechs Tage ohne ihre Nahrungspflanzen. Und die, die es geschafft hatten, zeigten eine verminderte Aktivität und produzierten eine kleinere Anzahl an Nachkommen.

Literatur:

Mariela Schenk, Jochen Krauss, Andrea Holzschuh (2017) “Desynchronizations in bee-plant interactions cause severe fitness losses in solitary bees”, Journal of Animal Ecology. doi: 10.1111/1365-2656.12694